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2.6.3.
Vin Mariani, Kokain und
Coca-Cola
Aber nicht nur Absinth avancierte zum
Kultgetränk einer Epoche, ein heute noch weniger bekanntes Getränk
welches sich aber im 19. Jahrhundert umso größerer Beliebtheit
erfreute war der sogenannte „Vin Mariani“, der Künstler,
Intellektuelle und Politiker des ausgehenden 19. Jahrhunderts
inspirierte. Es handelt sich hierbei um einen nach seinem Erfinder,
dem korsischen Chemiker und Apotheker Angelo Mariani (1838 – 1914)
benannten Rotwein oder Süßwein (meistens Bordeaux) der mit Kokain
oder einem Extrakt aus Cocablättern vermischt wurde. Das besser
situierte Bürgertum des Fin de Siècle hielt sich fern vom Absinth,
dem „Kokain“ des kleinen Mannes, und bevorzugte den wahren Stoff des
Kokablattes in Form von eben diesem Wein.
Erst mit
der Isolierung des wirksamen Alkaloids Mitte des 18. Jahrhundert,
das man Kokain nannte, wurde die Droge nach und nach einer breiten
Öffentlichkeit bekannt. Um 1860 wurde Kokain nach Europa
gebracht und damals zur Entwöhnung von Alkoholikern und
Morphinabhängigen oder als Mittel gegen Melancholie eingesetzt. Der
Gebrauch von Kokain war in den goldenen Zwanzigern in Deutschland
und in Italien weit verbreitet, Künstler, Musiker und Literaten
lassen und ließen sich davon stimulieren. Der englische
Schriftsteller Stevenson schrieb seinen berühmten Roman „Dr. Jekyll
and Mr. Hyde“ in sechs Tagen mit Hilfe des magischen Pulvers. Auch
andere Dichter und Literaten ließen sich vom Kokain inspirieren:
Georg Trakl und Klaus Mann. Der Komponist Richard Strauss schrieb
seine Oper „Arabella“ unter Kokaineinfluss. Als außermedizinische
bzw. quasimedizinische Gebrauchsform (im Sinn von Hausmitteln)
fanden zunächst vor allem kokahältige Weine in Europa und den USA
größte Verbreitung. Freud beschrieb 1884 in seiner Publikation „Über
Coca“ Selbstversuche und empfahl Kokain als Stimulans gegen
körperliche und geistige Erschöpfung, gegen Störungen der
Magenverdauung - und als Elixier gegen Morphin- und Alkoholsucht.
Der Stoff diente lange als Anästhetikum.
1863 wurde „Vin Mariani à la Coca du
Perou“ erstmals in Italien produziert, die wundersame Eigenschaft
des Vin Mariani bestand aus 25% Kokain und einem 11%igen
Wein-Likör-Gemisch. Alkohol und Kokain verbinden sich in der Leber
zu dem euphorisierenden Psychostimulans Cocaethylen, das ähnlich wie
Kokain selbst wirkt. Der kometenhafte Aufstieg von Vin Mariani
begann 1863, als dessen Schöpfer seinen Wundertrank an einer
depressiven Schauspielerin mit spektakulärem Erfolg erprobte.
Berichte über das neue aufhellende Getränk verhalfen seinem
Erfinder binnen kürzester Zeit zu Weltruhm. Besonders die gehobene
internationale Bohème war begeistert, versprach doch der Kokaintrank
den durch die Moderne Überbürdeten verlorene Nervenstärke,
Kreativität und Lebensfreude zurück. In der literarischen Welt wurde
der stimulierende Wein von Schriftstellern wie Anatole France,
Henrik Ibsen, Jules Verne, Emile Zola, Alexandre Dumas, welcher „Mariani,
deine süßen Flaschen entzücken meinen Gaumen“ schrieb, H. G. Wells,
Robert Louis Stephenson oder Sir Arthur Conan Doyle geliebt.
Komponisten wie Jules Massenet, Charles Gounod oder Gabriel Fauré
huldigten ihm. Auch der amerikanische Glühbirnenerfinder Thomas Alva
Edison dürfte dem „Coca Wine“ manche inventorische Erleuchtung
verdankt haben.
Ob auch bei Beschluss der päpstlichen
Unfehlbarkeit durch das 1. Vatikanische Konzil (1870) der
Kokaintrank im Spiel war, ist nicht überliefert. Bekannt ist jedoch
dass Papst Leo XIII und sein Nachfolger Papst Pius X, dem Vin
Mariani sehr zugetan waren. Leo XIII. verehrte das „wohltuende“
alkoholische Kokaingetränk so enthusiastisch, dass er das Produkt
mit einem offiziellen Siegel versah und seinen Erfinder mit einer
römisch-katholischen Goldmedaille bedachte und Angelo Mariani als
„Wohltäter der Menschheit“ bezeichnete. Erneuert hat der Vatikan
diese Ehrungen allerdings nicht, vermutlich weil das
Anwendungsspektrum in eine unheilige Richtung expandierte. Standen
zunächst antidepressive, stärkende und erfrischende Wirkung bei
Neuralgien, Erschöpfungszuständen, Mutlosigkeit und selbst Grippe im
Vordergrund, wurde der Kokainwein bald auch als Aphrodisiakum
gerühmt. Mehr als 7000 prominente Ärzte in Europa und Amerika
empfahlen das Stimulanz allerdings weiterhin. Religionsführer,
Hoheiten und Politiker suchten den besonderen Kick, erwähnenswerte
Anhänger des Vin Mariani sind hier Queen Victoria Georg I von
Griechenland, Alfons XIII von Spanien, der Persischen Schah, der
russische Zar Alexander II und William McKinley, dem 25. Präsidenten
der USA.
Das Ende der Kokainepoche wäre
bereits Jahre vor der des Absinth eingeläutet worden, wenn nicht
durch den Einspruch des weltweit führenden Alkaloidproduzenten
Deutschland entsprechende Restriktionen der 2. internationalen
Opium-Konferenz in Den Haag am 1. 12. 1911 blockiert worden wären.
Nach dem Weltkrieg erzwang der Versailler Vertrag die Verabschiedung
des Opiumgesetzes vom 20. Juli 1920, mit dem auch in Deutschland der
freie Verkauf von Kokain und seinen Verbindungen gestoppt wurde. Die
Verbote von Vin Mariani und besonders von Absinth in der folgenden
Nachkriegsdepression der frühen zwanziger Jahre sind zwar von
Temperenzlern als Erfolge bejubelt worden. Tatsächlich waren nach
der Weltkriegserfahrung die Kultgetränke einer verblichenen nervösen
Epoche nur von der öffentlichen Bühne abgetreten. Die Wermutbrüder
aber blieben, und illegales Reinkokain aus Heeresbeständen
überfluteten Europa.
Doch außer dem Vin Mariani gab es noch
tausende Patientenheilmittel, die mit Kokain versetzt waren und für
die verschiedensten Zwecke empfohlen wurden, darunter „Pemberton’s
French Wine Coca“, ein Getränk welches nur aus der Not einer
Alkoholprohibition in den USA heraus entstand und sich bald
weltweiter Popularität erfreuen sollte.
Im Mai 1885 braute der Apotheker John
Styth Pemberton in seinem Hinterhoflabor sein Konkurrenzprodukt „Pemberton’s
French Wine Coca“, um damit an den Erfolg des Vin Marianis
anzuknüpfen. Er verbesserte Mariani's Getränk, indem er den Extrakt
der Colanuss und Damiana, ein starkes Aphrodisiakum, beifügte. Seine
Werbung verkaufte den Drink als Nerventonikum und Abhilfe gegen
Morphinsucht - an der er wie so viele Mediziner jener Zeit selbst
litt. Mit dem Aufkommen der Mäßigungsbewegung wurde ihm klar, dass
sich das Getränk bald nicht mehr verkaufen lies, solange er auf
Alkohol basierte. Er entwickelte daher einen „gemäßigten“ Sirup den
er ab 1886 in einer in einer Soda-Bar in Atlanta für fünf Cent pro
Glas verkaufte. Der Sirup war eine Mixtur, die anfänglich als
Heilmittel gegen Müdigkeit, Kopfschmerzen und Depressionen helfen
sollte und aus Zuckerrübensirup, Kokain und einem Colanussextrakt
sowie einigen Ätherischen Ölen, die der Geschmacksvielfalt des
Getränkes Rechnung tragen sollten. Im gleichen Jahr kam sein Partner
Frank Robinson auf die Idee mit dem leicht zu merkenden Namen
„Coca-Cola“ aufgrund der Inhaltsstoffe Kokain uns Colanuss, welche
allgemein zur Behandlung von Kopfschmerzen genutzt wurde und der
nachgesagt wurde eine Abneigung gegen Alkohol zu erzeugen. Je mehr
das Kokain als Problemdroge erkannt wurde, umso stärker wurde der
Druck auf die Coca-Cola Gesellschaft. 1903 wurde das Kokain
schließlich durch Koffein ersetzt. Zwar werden bei der Herstellung
der Grundsubstanz aus Geschmacksgründen bis heute Kokablätter
verwendet, diese werden allerdings vorher entkokainisiert.
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