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2.4.1.1.4.
Thujon und andere Wirkstoffe
Einsetzung von Thujon in der
Medizin und der Kräuterheilkunde
Wermut gehört zu den ältesten uns
heute bekannten Arzneikräutern, und heute noch wird Wermut vielfach
in der Kräuterheilkunde verwendet. Die medizinische Wirkung
begründet sich in dem Bitterstoff Absinthin und dem ätherischen Öl
Thujon. Das Nervengift Thujon wirkt bei richtiger therapeutischer
Dosierung krampflösend, desinfizierend, schweißhemmend und
schmerzberuhigend. Als Tee oder Tinktur hilft Wermut bei Magen-,
Darm- und Gallenbeschwerden wie Magenkrämpfe, Gallensteine,
verminderter Säuregehalt des Magensaftes, Durchfall, gegen Erbrechen
und Blähungen, da er die Sekretion von Galle und Bauchspeichel
fördert. Wermut besitzt außerdem eine appetitanregende und
verdauungsfördernde Eigenschaft, wodurch er eine Anwendung bei
Appetitlosigkeit und Abmagerung findet.
Der Tee - 1g des getrockneten Krautes
auf 1 Tasse heißes Wasser als Dosis - des ganzen Krautes ist gut
dosiert hilfreich bei Verdauungsstörungen, Verstopfung, Würmern,
Magen- und Darmkrämpfen und fördert die Harnausscheidung. Leute, die
oft mit Giften zu tun haben, wie z. B. Blei oder Quecksilber,
sollten oft genug Wermuttee trinken, da dieser den Leberkreislauf
anregt und somit diese schneller ausscheidet, da Wermut auch bei
einer Bleivergiftung hilft. Gemischt mit Kalmus ist der Tee gut bei
Krankheiten der Verdauungsorgane, bei Nierenleiden und
Urinbeschwerden, Gelbsucht, Blutarmut, und Leberleiden. Auch bei
entzündeten Augen ist von einer Waschung mit Wermuttee oder einer
Behandlung einer Salbe nicht abzuraten. Nebenwirkungen bei Einnahme
des Tees sind bisher keine bekannt, da Wermut beruhigend wirkt, kann
er immer angewendet werden.
Dem Wermutkraut werden aber noch
andere Wirkungen nachgesagt, so soll er hilfreich bei
Gemütsverstimmungen, Unfähigkeit zur Konzentration,
Gedächtnisschwund, Vergesslichkeit, Depressionen, Menschenscheu und
diversen seelisch-nervösen Indispositionen sein und diese günstig
beeinflussen sowie die Nerven stärken.
Hauptinhaltsstoffe und deren
Wirkung
Die Hauptwirkstoffe des Wermuts sind
die Bitterstoffe Absinthin und Anabsinthin, der Gerbstoff Santonin
sowie ein ätherisches Öl, welches sich in allen Anteilen der Pflanze
findet. Wermutöl, also die Essenz des Wermutkrauts, enthält 40 bis
70 Prozent Thujon, daneben Thujalkohol, Absinthin, Phellandren,
Cadinen, Azulen, Cineol und Salicylsäure.
Wermut enthält
aber auch ein bis heute nicht restlos geklärtes Gemisch an Terpenen
mit dem Hauptbestandteil Thujon, daneben Kampfer, Menthol und Pinein.
Thujon ist ein bizyklisches Monoterpen aus der Reihe der
Thujanderivate. Diese Terpene sind für die Trübung des Absinths bei
der Zugabe von Wasser verantwortlich.
Außerdem enthält die Pflanze noch
einige Flavone, Lactone, Harze, Gerbsäuren und Vitamin C.
Bittermacher ist der Inhaltsstoff Absinthin, der noch in einer
Verdünnung von 1 zu 70.000 – 1g in 70l Wasser -wahrgenommen werden
kann. Der
bittere Geschmack des Absinths kommt also durch den Gehalt des
Glycosids Absinthin.
Chemische Analyse von Thujon
Das Nervengift Thujon ist ein nach dem
Lebensbaum (Thujy occidentalis) oder auch Thuja-Strauch genannter
Aromastoff, der sich übrigens in sehr hoher Konzentration auch in
seinem Namensgeber befindet. Er kommt in vielen ätherischen Ölen,
besonders stark im Wermutöl aber auch in einer Reihe von anderen
Pflanzen wie Rainfarn (Tanacetum vulgare), Beifuß (Artemisia
vulgaris), Salbei (Salvia officinalis) und der weißen Zeder (Chamaecyparis
thyoides) vor. Thujon ist eine psychoaktive Substanz, die aus
Isopren aufgebaut ist und sich aus einem Gemisch der beiden
Stereoisomeren α- und β-Thujol zusammensetzt. Die chemische Formel
lautet C10H16O mit der Summenformel MG 152,23.
Im Wermutextrakt findet sich überwiegend β-Thujol welches geringere
Schäden als das α-Thujol hervorruft da α-Thujol eine 10fach stärkere
Wirkung als das β-Thujol hat. In erster Linie ist hier das Isomer
α-Thujol als aktiver Bestandteil zu sehen, wobei das β-Thujol meist
in höherer Konzentration vorliegt.
Die chemische Struktur des Thujon
wurde 1900 vom deutschen Chemiker Semmler publiziert. Die Wirkungen
sind ausgeprägte Erregung des vegetativen Nervensystems,
Bewusstlosigkeit und Krämpfe; unwillkürliche Muskelkontraktionen,
zuerst klonisch [1], dann tonisch [2]. Schon recht früh wurde die
nahezu identische Wirkung wie beim Kampfer beschrieben. Beide
Substanzen wurden denn auch als Epileptika genutzt, das heißt um
Krämpfe künstlich zu erzeugen. So wundert es eigentlich nicht, dass
beide Substanzen auch in die sog. Krampftherapie (z.B. bei
Schizophrenie) Eingang fanden. Thujon zählt zur Stoffklasse der
Terpene. Von diesen ist bekannt, dass sie porphyrogene Eigenschaften
besitzen. Darunter ist eine Beeinflussung der Bildung des
Blutfarbstoffes zu verstehen, Porphyrie ist eine seltene angeborene
oder erworbene Stoffwechselkrankheit. Vorstufen, eben Porphyrine,
sammeln sich insbesondere in der Leber an, obwohl es bei Thujon zu
einer geringeren Akkumulation als bei anderen Terpenen wie Kampfer
kommt. Wenn man es als richtig unterstellt, dass van Gogh an einer
intermittierenden Porphyrie [3] gelitten hat könnten diese Befunde
eine Erklärung liefern. Thujon und andere im Absinth enthaltene
Terpene können gemeinsam mit dem hohen Alkoholgehalt bestimmte
Enzyme aktivieren und letztlich einen Porphyrie-Anfall auslösen.
Besonders gefährlich wäre dieser Effekt für Menschen mit angeborenen
Enzymdefekten im blutbildenden System der Leber.
Jüngste Analysen haben ergeben, dass
Thujon ein Isomer des Kampfers und Menthols ist und Ähnlichkeiten
mit dem Hauptwirkstoff in Marihuana und Cannabis hat, da das
Neurotoxin Thujon eine ähnliche Molekularstruktur wie der in der
Cannabispflanze und im Weihrauch enthaltene Hauptwirkstoff
Tetrahydrocannabinol besitzt.
Man vermutet daher für beide
Substanzen einen gemeinsamen Angriffspunkt (Rezeptor) im zentralen
Nervensystem und zudem spezifische Rezeptoren für α- und β-Thujol.
Durch ein Rattenexperiment konnte ein Einfluss auf die
Cannabinoid-Rezeptoren bestätigt werden, allerdings nur in sehr
hohen Dosierungen. Solche Dosierungen - einmal ganz abgesehen von
der möglichen Speicherung hoher Konzentrationen im Fettgewebe wegen
hoher Lipoidlöslichkeit und von möglichen first-pass-Effekten, also
schnellem Abbau in der Leber - dürften solche
Blut-Thujon-Konzentrationen nur bei massiver Vergiftung auftreten.
Beim Absinth-Trinker dürfte nach diesen Ergebnissen die Aktivierung
von Cannabinoid-Rezeptoren keine Rolle spielen. Das Verhalten der
Tiere zeigte in Experimenten im Übrigen keine cannabinoid-relevanten
Veränderungen wie Schmerzdämpfung und Hypomobilität, da Thujon im
Gegensatz zu den Cannabinoiden erregend und belebend wirkt. Ob
Thujon stimmungshebend und antidepressiv wirkt ist noch nicht
bewiesen, eine weitverbreitete Meinung ist jedoch dass es den
angstlösenden, sedativen aber auch amnestischen Effekten von Drogen
wie Benzodiazepinen und Alkohol entgegenstehen könnte. Seit kurzem
ist zudem bekannt, dass Thujon auch an einen andern Rezeptor, der
eigentlich für den Neurotransmitter Gamma-Aminobuttersäure
reserviert ist, andocken kann. So bringt das Toxin jene Nervenzellen
zum Schweigen, die normalerweise die Muskelbewegungen kontrollieren.
THC [4] ist ebenso ein ätherisches Öl,
welches vor allem im Harz und in den Blütenständen der weiblichen
Pflanze zu finden ist. Ebenso wie das Thujon ist THC wasserun- und
alkohollöslich. Diese gute Alkohollöslichkeit hat zur Folge dass
Thujon sowohl im Absinth als auch im Wermutwein in höheren
Konzentrationen vorhanden ist, im Wermuttee finden sich hingegen nur
geringe Spuren dieser Substanz.
Absinthin
Ein weiterer Wirkstoff ist neben
verschiedenen ätherischen Ölen und vor allem neben Thujon das
bittere Absinthin, ein aromatischer Bitterstoff und
Geschmacksbildner. Dieser Inhaltsstoff gilt als die zweitbitterste
Substanz in der Natur, die nur von der Weinraute übertroffen wird.
Körperlich löst Absinthin eine Erregung der Bitterezeptoren in den
Geschmacksknospen des Zungengrundes aus. Dadurch wird gleichzeitig
der Vagusnerv beeinflusst, über den reflektorisch eine Steigerung
der Speichel und Magensekretion erfolgt. Das Absinthin ist aber nach
dem Thujon der zweite Kandidat für eine Erklärung der schädlichen
Wirkung des Absinths da dieser Bitterstoff bereits in geringer
Konzentration betäubend und lähmend wirkt.
Santonin
Santonin wird aus der Pflanze
Artemisia absinthium isoliert und findet als Anti-Wurmmittel
Verwendung. Man schätzt, dass etwa ein Drittel der Weltbevölkerung
von solchen Parasiten infiziert ist. Santonin ist ein zyklisches
Sequiterpen, dessen antihelministische Wirkung gelegentlich in der
Veterinärmedizin genutzt wird, und das in allen Arten der
Korbblütlergattung Artemisia enthalten ist.
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Sonstige Verwendung
Die Blätter des Wermutkrauts wurden
vor allem im Mittelalter gerne zum Würzen von Speisen verwendet,
wegen des intensiven Bitteraromas ist Wermut jedoch heute als
Küchenkraut fast ganz aus der Mode gekommen. Man verwendet ein Blatt
höchstens als Würze für ganz fettes Fleisch wie Stelze,
Schweinerücken und fetten Hammelbauch anstatt Lorbeerblatt oder
Beifuß, da er durch den aromatischen Bitterstoff für die gute
Verdauung fetter Braten sorgt. Auch als würzende Beigabe zu
Kräutersuppen findet er Verwendung, mit Wermutwein würzt man
Muschelsuppe, Huhn und Süßspeisen.
Neben der Verarbeitung zu Absinth
spielt Wermut aber auch vor allem in Italien bei Wermutweinen, auch
Vermouths genannt, eine große Rolle. Solche Handelsmarken sind
Martini, Stock, Buton, Cinzano oder Picon; auf Wermutweine wird aber
eigens noch im Kapitel Vermouths eingegangen.
[1] Kontraktion und Erschlaffung in
Abfolge
[2] Dauerkrampf
[3] Porphyrie mit Unterbrechungen
[4] Tetrahydrochannabinol
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