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5.      Die Grüne Fee als Muse der Künstler

5.1.   Absintheure

Die Absinthtrinker, zu denen im 19. Jahrhundert vor allem Künstler, Intellektuelle und Bohemiens zählten, nannten und nennen sich heute wieder Absintheure. Sie tranken Absinth nicht nur bei jeder Gelegenheit sondern experimentierten mit seiner Wirkung, ließen sich vom Rausch inspirieren und gaben sich der Wahrnehmungsveränderung hin. So wurde auch behauptet, dass Picassos „blaue Periode“ und van Goghs „gelbe Periode“ nachhaltig vom Genuss der Grünen Fee geprägt. Die Darstellung Trinkender stellt in der Malerei ein wiederkehrendes Thema dar, so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich zahlreiche Gemälde des Fin de Siècle mit dem Thema Absinth beschäftigen, so Eduard Manets „Absinthtrinker“ Henri de Toulouse-Lautrecs „Monsieur Boileau im Café“, Jean-François Raffaelis „Absinthtrinker“, Pablo Picassos „Glas mit Absinth“ und Vincent van Goghs „Die Absinthtrinkerin“. Einige der schönsten Kunstwerke Picassos (die der blauen Periode) und Van Goghs (z.B.: Das Nachtcafe) wurden angeblich von Absinth stark inspiriert. Für die  Darstellung von Absintheuren wurden die Impressionisten Manet und Degas mit Salonverbot bestraft. Doch gerade durch die Skandale um ihre Bilder wurden sie und die impressionistische Bewegung überhaupt erst populär. Ihr Ausstellungsort war nun das Caféhaus, dorthin kamen die betuchten „Marchands“ [1] , um sich die neuesten Arbeiten anzuschauen.

Wer einen Pernod oder eine Grüne Fee bestellte, signalisierte seine Zugehörigkeit zum leicht verruchten Milieu der Bohème, der Halbwelt, der künstlerischen Avantgarde und all jener, die sich über das gutbürgerliche Spießertum erhaben fühlten. Bald bekam die Tageszeit, in der sich alles in den Caféhäusern traf um Absinth zu trinken, ihren eigenen Namen, was in England die „tea-time“ war, hieß in Frankreich „L’heure verte“ – die Grüne Stunde zwischen 17 und 19 Uhr zu der sich Menschen aus allen Bevölkerungsschichten in den Bars, Cafés und Kneipen trafen. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 bekam die Heure Verte ihren festen Platz im Tagesablauf vieler Menschen. In Paris entstanden eine ganze Reihe von Cafés die sich auf das Ritual des Absinth-Trinkens spezialisierten.

Das Fin de Siècle war geprägt von dem orgiastischen, rauschhaften Leben vor allem in Künstlerkreisen. Besonders Künstler und Intellektuelle vermeinten die Welt in einem Umbruch zu spüren, sie erlebten den Verfall der Werte der Französischen Revolution, Werte, die für ihre Kunst, aber auch für Dichtung und Philosophie von großer Bedeutung waren Bewusst oder unbewusst förderte das alles bei sensiblen Gemütern den exzessiven Umgang mit Drogen und Alkohol. Der Absinthrausch machte das bittere Leben einigermaßen erträglich und das Getränk wurde die Droge für alle: Künstler, Maler, Dichter, Tänzerinnen des Moulin Rouge, Intellektuelle, Bohemiens, Schauspieler, Kurtisanen und ihre Liebhaber, Arme und Reiche, denn Absinth konnte sich beinahe jeder leisten.

Betrachtet man die vielen von unterschiedlichen Malern dieser Zeit dargestellten Absinthtrinker, dann fällt deren in sich gekehrte Haltung, das Desinteresse and der Umgebung oder vielleicht auch ihre Unfähigkeit darauf zu reagieren auf.

 

Zu den namhaftesten Absintheuren zählen Vincent van Gogh, Paul Cézanne, Charles Cros, Henri de Toulouse-Lautrec, Edgar Degas, Paul Gaugin, Emile Zola, Alfred Jarry, Edouard Manet, Guillaume Apollinaire, Pablo Picasso, Georges Braque, Oscar Wilde, Paul Marie Verlaine, Arthur Rimbaud, Charles Baudelaire, Mata Hari und Auguste Renoir auf im Folgenden näher eingegangen wird.

Weitere berühmte Absintheure waren Mark Twain, Aleister Crowley, Theodore Roosevelt, Adolphe Monticelli, Albert Maignan, Modigliani, Henry Murger, Jean-François Raffaelli, Howard Philips Lovecraft, Guy de Maupassant, Jack London, Stéphane Mallarmé, Walt Whitman oder Victor Hugo. Auch die Schauspielerin Ellen Andrée, die Edgar Degas zwischen 1875 und 1876 am Marmortischchen eines Pariser Cafés malte war dem Absinth genauso ergeben wie der französische Volksschriftsteller Henry de Kock der die Novelle „Die Absinthtrinker“ schrieb. Der Pariser Dichter und Bon­vivant Charles Monselet (1825-88) berichtet schon 1865 von der schaurig-schö­nen „L‘heure de l‘absinth“, die dem von einigen verzweifelten Poeten zur „Muse verte“, zur „Grünen Muse“, stilisierten Getränk gelte. Einen ersten Toten unter den Literaten forderte der Absinth im Jahre 1857 als der Schriftsteller Alfred de Musset infolge übermäßigen Absinthgenusses starb.

Einer der bekanntesten der Décadents und Absinthanhänger war der Engländer Ernest Dowson (1867 – 1900). Mit seinem Ausspruch „Whiskey und Bier sind für Idioten. Absinth besitzt die Kraft der Magier; Absinth kann die Vergangenheit auslöschen oder erneuern und die Zukunft annullieren oder voraussagen“ begriff er wohl die romantischeren Züge des Absinths. Seine Gedichte sind feinfühlig und musikalisch und auch er rühmte den Absinth als Aphrodisiakum. Das vom Absinth inspirierte Gedicht „Absinthia Taetra“ schrieb er während eines Aufenthalts in Paris.

In vielen berühmten Werken Ernest Hemingways (1899 – 1861) tauchen Anspielungen auf den Absinth auf, so zum Beispiel in „Tod am Nachmittag“ oder in „Wem die Stunde schlägt“. Er war ein großer Absinth-Fan und, insbesondere wegen seiner Vorliebe für Waffen und Messer, in betrunkenem Zustand ungenießbar. „War letzte Nacht auf Absinth. Habe Messertricks probiert." Hemingway trank Absinth noch lange, nachdem dieser in den meisten Ländern verboten worden war. In Spanien trank er immer ein paar Absinth, bevor er in Pamplona mit den Stieren rannte; Gerüchten zufolge hatte er sogar in den USA immer ein paar Flaschen dabei. Hemingway beging 1961 Selbstmord, dies war aber, wie vielleicht anzunehmen, nicht wegen Absinth.

Aber auch Edgar Allan Poe (1809 – 1849) war nicht nur dem Laudanum zugetan sondern war auch ein leidenschaftlicher Absinthtrinker, da er in dessen Genuss eine Möglichkeit sah seine Kreativität zu steigern und wenigstens zeitweise seinen Alltagsproblemen zu entgehen. Unbestritten ist heute dass sein früher Tod auch eine Folge seiner vom Absinth geprägten Alkoholsucht war.


[1] Kunstkäufer oder Kunsthändler

 

 

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