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2.4.4.
Wirkung
In den Anfängen der Grünen Fee war der
Thujon-Anteil so hoch, dass die Wirkung im Zusammenspiel mit dem
ebenfalls hohen Alkoholgehalt intensiver war als bei allen anderen
alkoholischen Getränken dieser Zeit. Die Wirkung des Absinths geht
über die anderer Spirituosen hinaus, denn er enthält neben Alkohol
noch weitere psychoaktive Substanzen, nämlich die in Wermut und
vielen anderen zum Teil psychoaktiven Pflanzen enthaltenen
ätherischen Öle. Anders als andere Spirituosen schien Absinth
bereits in kleinen Mengen euphorisierend, berauschend,
aphrodisierend, stimulierend und betäubend zu wirken, in größeren
Mengen soll er auch eine halluzinogene und bewusstseinsverändernde
Kraft entfaltet haben. Angeblich verhalf das im Wermutöl enthaltene
Thujon in Kombination mit Alkohol zu Kreativität und stärkerem
(Farb-) Empfinden und rief Halluzinationen in den Farbbereichen
gelb, blau und grün hervor. Allerdings ist diese Wirkung bislang nur
von jenen verspürt worden, die reines Wermutöl konsumierten. Die
Thujonkonzentration in reinem Absinth ist bei allen bekannten
Herstellungsverfahren verschwindend gering. Es gibt heute zwar
einige Hersteller, die ihren Absinth mit genauen mg-Angaben von
Thujon bewerben, doch ist dies eher unseriös, da der Thujongehalt
auch mit modernen Überwachungsanlagen immer noch von der Qualität
der verwendeten Kräuter, der Dauer der Extraktion und weiteren nicht
beeinflussbaren Faktoren abhängt.
Die Nebenwirkungen sind bis heute
nicht ganz zu klassifizieren, da sich Absinth sehr unterschiedlich
äußern kann. Beschriebene klinische Symptome bei gelegentlicher
Aufnahme sind auditive und visuelle Halluzinationen, ein Anstieg der
Libido, gehobene Gemütslage und danach Stimmungsverschlechterung,
sowie eine Erregung des zentralen Nervensystems, gefolgt von
Depressionen.
Bei regelmäßigem übermäßigem Genuss
treten Schädigungen des Zentralnervensystems auf, da das Neurotoxin
Thujon an die Gehirnrezeptoren andockt und neben psychodelischen
Rauschzuständen auch für die Zerrüttung des Nervensystems
verantwortlich gemacht wird. Bei einer chronischem Aufnahme, bzw.
Abusus kommt es neben den oben beschriebenen Symptomen zu bleicher
Haut, Haarausfall, röchelnder Atmung, Mundtrockenheit, morgendliche
Übelkeit und Erbrechen, Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit und einer
Nierenurämie. Bei den sensorischen Organen kann es zu einer
Schädigung des Sehnervs, Schwindel, Ohrprickeln, und Taubheit
kommen. Des Weiteren sind Fälle von klonischen epileptischen
Krämpfen, Psychosen, Demenz [1], Ataxie [2], Schlaflosigkeit,
Verlust der Libido [3], lärmendes und aggressives verhalten, Angst,
Gesichtszucken, Fehlbewegungen und Lähmungen der Lippen und der
Zunge bekannt.
In geringen Dosen ab ca. 2 mg/kg
Körpergewicht wirkt Thujon belebend, in höheren Dosen ab ca. 30
mg/kg Körpergewicht kann es zu epileptischen Krämpfen und schweren
psychischen Schäden führen.
Wie im Kapitel „Die Geschichte des
Absinths“ später noch behandelt wird, ist die Höchstmenge des heute
erlaubten Thujongehaltes bei Bitterspirituosen nach der
EU-Richtlinie mit 35 mg/kg festgelegt. Diese Mengen sind - so
Experten - zu gering, um halluzinogene Zustände zu erzeugen. Selbst
der Genuss von größeren Mengen Absinth würde nicht die notwendige
Dosis erreichen. Vielmehr würden dann die überaus hohen
Alkoholmengen zu den Rauschzuständen und möglicherweise Schäden
führen.
Als der Absinth Anfang des vergangenen
Jahrhunderts seine Hochphase erreicht hatte, waren Destillate mit
einem Thujongehalt von bis zu 80 Milligramm pro Liter keine
Seltenheit.
Es wird jedoch heute bezweifelt ob die
Gefahren damals nicht dramatisiert worden sind, denn um eine
gesundheitliche Schädigung zu bewirken, müssten von dem auch heute
noch 50-79Vol% Getränk unmenschlich viele Gläser getrunken werden.
Untersuchungen von Pinto Scognamiglio
haben ergeben, dass ein 70 kg schwerer Mann normaler Statur, der
sich innerhalb von drei Stunden auf eine Blutalkoholkonzentration
von 2,5 Promille hochtrinkt, nach realistischer Rechnung [4] 284 ml
eines 70-volumenprozentigen und 398 ml eines 50-volumenprozentigen
Absinths, benötigt um eine dementsprechende Schädigung
davonzutragen. Diese aufgenommenen Mengen enthalten dann 3 bzw. 4 mg
Thujon. Dies entspricht dann einer Aufnahme von 0,004 bzw. 0,006
mg/kg Körpergewicht. Durch die Destillation von Wermutkraut erhält
man etwa 0,27 bis 0,40 % reines Wermutöl, was bei den typischen
Absinth-Rezepten, die etwa 2,5 kg der Pflanze pro 100 Litern
erstrebtem Absinth verwenden, etwa 4,4mg Wermutöl bzw. 2mg Thujon
pro Glas ergibt. Das liegt unter dem Level, wo akute
pharmakologische Wirkungen beobachtet werden konnten.
Für die meisten Menschen war Absinth niemals mehr als
ein besonders belebendes Getränk, starker Missbrauch hingegen hatte
nicht selten Abhängigkeit zur Folge. Dies trug zu der allgemeinen
Hysterie um den Absinth bei, die zur Zeit des 1.Weltkrieges zu einem
Verbot in beinahe allen westlichen Staaten führte. Der heutige
Absinth hat immer noch eine einzigartige Wirkung. Denn
Thujon ist bereits in geringen Dosen psychoaktiv, wogegen erst
extrem hohe Dosen als gesundheitlich bedenklich eingeschätzt werden.
Diese Dosen sind so hoch, dass Wissenschaftler in neueren
toxikologischen Studien sogar bezweifeln, dass selbst der früher
noch vergleichsweise hohe Thujongehalt des Absinths problematisch
war. Maßgeblich für die Folgeschäden des Missbrauchs war ihrer
Auffassung nach ausschließlich der hohe Alkoholgehalt sowie
Verunreinigungen des Absinths.
Es sollte deswegen immer der Leitsatz
gelten: Jede Medizin ist Gift und jedes Gift ist Medizin, es kommt
nur auf die Dosis an! Oder aber sollte man sich einfach an jenen
Satz halten, der sich in jedem französischen oder schweizerischen
Kräuterbuch in Zusammenhang mit destillierten Wermutgetränken zu
finden ist: „Un verre à jour!“.
[1] Senilität
[2] fehlende harmonische Muskelaktivität aufgrund eines
Kleinhirnsyndroms
[3] nach Sigmund Freud ist die „Libido“ die Energie des Eros
(Liebes- oder lebenserhaltender Trieb)
[4] 10% Resorptionsdefizit und Abbau von 0,15 Promille pro Stunde
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