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3.5.   Das 20. Jahrhundert

3.5.1.      Die Gegner

In Frankreich wurden 1912 220 Millionen Liter Absinth konsumiert und in der Schweiz sollen um die Jahrhundertwende angeblich 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung absinthabhängig gewesen sein. Es ist demnach verständlich, dass mit der massenhaften Verbreitung auch unterschiedlich motivierte Bestrebungen einhergingen, Absinth zu verbieten. Ärzte und Wissenschaftler versuchten nachzuweisen, dass Absinth für alle erdenklichen Übel der Zeit verantwortlich war, von Epilepsie und Impotenz über Tuberkulose und Syphilis bis hin zu Kriminalität, Suizid und Wahnsinn. Ein Absinthgegner verkündete: „Wenn Absinth nicht verboten wird, wird unser Land bald eine riesige Gummizelle sein, in der die Hälfte der Franzosen damit beschäftigt ist, die andere Hälfte in Zwangsjacken zu stecken.“ Klerikale und konservative Kreise sahen im Absinth die Ursache für Sittenverfall und Umstürzlertum. Ein führender Journalist schrieb:„ Ich bin für Wein und gegen Absinth, so wie ich für die Tradition und gegen die Revolution bin.“. Die Linke hingegen meinte, Absinthkonsum würde das Klassenbewusstsein aushöhlen. Das sozialistische Blatt L’Humanité erklärte, der absinthtrinkende Arbeiter sei „ nicht nur ein schlechter Vater und ein schlechter Arbeiter, sondern auch ein verachtenswerter Genosse, der die gesamte Arbeiterschaft verrät“. Schlechte Weinernten und stetig rückläufige Umsatzzahlen sorgten dafür, dass die Weinindustrie in Absinth eine unliebsame Konkurrenz sah, die man beseitigen wollte. Die Antialkoholbewegung verbündete sich sogar mit den Weinbauern und propagierte Wein als heilbringenden Ersatz. Das Absinthverbot, erklärtes Ziel der „Blaukreuzer“, den Alkoholgegnern in Frankreich und der Schweiz, lebte einzig aus nur teilweise beweisbaren Behauptungen, es war vielmehr ein Politikum. Die Blaukreuzer suchten schon seit Langem nach Gründen für ein Absinth-Verbot. Die wahren Beweggründe der Blaukreuzler waren vorgeschobene moralische Grundsätze und Geschäftsinteressen der Weinindustrie.

Bei  einer Parlamentsabstimmung konnten die Absinthgegner aber keine Mehrheit für ein Absinthverbot zustande bringen, nicht zuletzt weil der florierende Absinthhandel beträchtliche Steuereinnahmen garantierte. Jedoch ergriff die französische Generalität mit Anwachsen der politischen Spannungen immer striktere Maßnahmen gegen den Absinthkonsum innerhalb des Militärs, weil man befürchtete, er unterminiere die Verteidigungsfähigkeit der Nation.

3.5.2.      Der Absinthmörder von Lausanne

Am 28. August 1905 passiert in Comugny, einem kleinen Dorf Im Kanton Vaud in der Schweiz genau das, worauf die Blaukreuzer gewartet hatten. Jean Lanfray, Arbeiter und Tagelöhner in den Dreißigern, bringt, angeblich im Absinthrausch, mit einem Gewehr seine ganze Familie um. Allerdings war bekannt, dass Jean Lanfray ein notorischer Trinker war und täglich bis zu fünf Liter Wein konsumierte und in der Tatnacht zum krönenden Abschluss lediglich zwei Gläser Absinth getrunken hatte, doch es wurde damit eine Volksbewegung gegen Absinth losgetreten. Absinth wurde den Rauschmitteln gleichgestellt, wobei das dem Wermutkraut innewohnende Neurotoxin Thujon durchaus Drogencharakter haben kann, wie übrigens fast alle (Arznei-)Pflanzen.

Am 23. Februar 1906 wird Jean Lanfray vor Gericht des vierfachen Mordes angeklagt und schuldig gesprochen.

 

 

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