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3.4.
Das 19. Jahrhundert
3.4.1.
Steigender Absinthkonsum
Henri-Louis Pernod begann 1805 mit seiner eigenen Produktion, und
damit der ersten industriellen Absinthherstellung, im französischen
Pontarlier in der Franche-Comté. Jedoch fand Absinth in den nächsten
40 Jahren in Frankreich kein überragendes Interesse, sodass gerade
mal 400l pro Tag die Fabrik verließen.
Nachdem die
Nachfrage in den 1820er Jahren zu steigen begann, erweiterte Pernod
seine Produktionsstätte. Neben dem Absinth von Pernod waren Fritz
Duval-Dubied Pére & Fils, Vichet, La Cressonnée, Terminus, Junod,
Cousin Jeune, Herbsaint, Oxygénée Cusenier und Lemercier & Duval
klassische Absinth-Marken, von denen die einen ihren Sitz in der
Schweiz und die anderen ihren Sitz in Pontarlier oder in der
Provence hatten. Der Wermut-Anbau wurde zu einer der wichtigsten
Erwerbsquellen im Val-de-Travers und in Pontarlier, welches über die
größten Anbaugebiete mit über 400 Hektar verfügte. Obgleich in der
Schweiz erfunden, war Absinth eigentlich ein französisches Getränk.
1826 gab es in Pontarlier vier Absinthdestillerien mit einem
jährlichen Ausschuss von 100.000 Litern. 1833 erreichte die tägliche
Produktion 555.000 Liter und Absinth wurde in die ganze Welt
exportiert, sogar bis nach China.
3.4.2.
Krieg und Alkohol
Populär wurde Absinth aber erst als
Folge des Algerienkrieges den Frankreich 1844 bis 1847 zur Eroberung
Algeriens durch Napoleon führte. Da Absinth antibakteriell wirken
sollte, wurde es dem Trinkwasser beigegeben und die Truppen bekamen
Absinthrationen, um die Soldaten gegen Krankheiten wie Fieber,
Cholera, Typhus, Ruhr, Durchfall und den endemischen [1] Wurmbefall
zu schützen. Absinth wurde angeblich auch zur Malariaprophylaxe
eingesetzt, allerdings beinhaltet das Wermutkraut viel zu geringe
Konzentrationen der Substanz Quinghaosu, die zur Malariaprophylaxe
dient. Da eine dem Wermutkraut verwandte Pflanze (Artemisia Annua)
schon früher als Mittel gegen Malaria genutzt wurde, was im Übrigen
in den Siebzigern bestätigt wurde, entstand die Legende des
Malaria-Heilmittels. Des Weiteren diente Absinth auch zur Steigerung
der Kampfmoral und dazu jene Truppen bei Laune zu halten, welche
dann Absinth bei ihrer Rückkehr in Frankreich populär machten.
Um 1850 steigert Pernod die Produktion
auf 20.000l pro Tag, in Pontarlier gibt es bereits mehr als 20
Destillerien. Absinth hatte mit amerikanischen Metropolen wie New
York, Chicago, San Francisco und New Orleans sowie der Verbreitung
nach Buenos Aires, Madagaskar, Indochina und Tahiti fast alle Teile
der Welt erreicht. Unübertroffen jedoch blieb der Erfolg des
Absinths in Frankreich. Nach dem Tod von Henri-Louis Pernod 1850 war
Absinth aber bis in die späten siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts
ein Luxusgetränk, doch durch die große Reblauskatastrophe, die eine
Weinernte nach der anderen vernichtete und bei der die Reblaus fast
die gesamte französische Weinproduktion lahm legte, verlegten sich
immer mehr Konsumenten auf den Absinth, der ein beliebter Ersatz
war. Die Reblauskatastrophe begann, wahrscheinlich durch die, durch
amerikanische Rebstöcke eingeschleppte, Reblaus, 1858 in der
Provence, richtete bis Ende des Jahrhunderts 1,5 Millionen Hektar
zugrunde und breitete sich in alle Weinbauregionen Europas aus. Die
Weinpreise stiegen und die Absinthpreise sanken, nicht zuletzt
deswegen, weil man herausfand, wie man die Produktionskosten mit
billigem Industriealkohol, welcher maßgeblich zum (Ver-)Ruf des
Absinths beitrug, da die sogenannte Absinthblindheit und weitere
körperliche Schäden auf den unreinen Alkohol zurückzuführen sind,
weiter senken konnte. Wegen seiner Stärke mit einem damaligen
Alkoholgehalt von 65 bis 72%vol und einem Thujongehalt von 80 bis
260mg/kg war Absinth bald als „Knockout-Aperitif“ bekannt.
3.4.3.
L’heure Verte
Ende des 19. Jahrhunderts erreicht der
Absinth in Frankreich eine so große Popularität, dass Pernod die
Produktion noch einmal auf 100.000l pro Tag steigern muss. Da
zahlreiche Absinthdestillerien nun nicht länger Branntwein, sondern
aus Zuckerrohr oder Getreide erzeugten Industriealkohol verwendeten,
wurde Absinth gleichzeitig billiger, so dass er auch für die
Arbeiter erschwinglich wurde. Dies trug dazu bei, dass der
Absinthkonsum bis zum 1. Weltkrieg noch einmal um das Fünfzigfache
anstieg und alle Bevölkerungsschichten erreichte. Den größten
Zuspruch fand er allerdings bei Künstlern, Intellektuellen und
Bohemiens, nicht zuletzt wegen seiner besonderen Wirkung, von der
sie sich inspirieren ließen. Auf die zahlreichen Anekdoten und
Legenden rund um die sogenannten Absintheure wird im Kapitel „Die
Grüne Fee als etwas andere Art von Muse“ näher eingegangen. Am
Nachmittag trank jeder Absinth und die Zeit zwischen 17 und 19 Uhr
wurde nun in Frankreich „L’heure verte“ genannt.
In der ruhigen Atmosphäre der Erholung
die nach dem Französisch-Preussischem Krieg eintraf wurde die „heure
verte“ zu einem fixen täglichem Event. Wegen der zunehmend liberalen
Lage in Frankreich und entspannteren Bestimmungen für Öffnungszeiten
für Cafés und Kabaretts in den 1860er Jahren kam es, das 1869 366
solcher Einrichtungen existierten, wo pünktlich um 5h Nachmittags
die „Grüne Stunde“ zelebriert wurde. Die Cafés wurden eine extrem
populäre soziale Einrichtung, wie auch die Bouillons, welche ehemals
Pariser Armenrestaurants waren und bald fix zu den Absinthcafés
zählten. Von 1500 verschiedenen erhältlichen Likören waren 90% der
bestellten Aperitifs Absinth.
3.4.4.
Beginnender Fall
Bereits um 1850 kam der Absinth in
Verruf. Bei chronischer Aufnahme wurde ein Syndrom beschrieben,
praktischerweise Absinthismus genannt. Als Leitsymptome galten
Sucht, Übererregbarkeit und Halluzinationen. Die Diskussion wurde
offensichtlich durch die damals noch weit verbreitete Lamarck'sche
Vererbungs- und Evolutionstheorie angefacht. Einige Gegner glaubten,
dass der Absinthismus genetisch manifest und damit vererbbar würde.
Als 1873 das Gerücht auftauchte, dem Absinth würde das hochgiftige
Antimon beigemischt, spekulierte die hochangesehene medizinische
Fachzeitung Lancet mit dem Kommentar, dass dem Absinth wohl
Brechweinstein (Kaliumantimonyl-tartrat) als Antidot beigegeben
würde. Jeder Chemiker kann heute bestätigen, dass diese Substanz
praktisch unlöslich in Alkohol, und damit nur eingeschränkt löslich
in Absinth ist. Da zur Herstellung von Absinth häufig minderwertiger
Alkohol verwendet wurde, war die sogenannte Absinthblindheit kein
Wunder. Die nachfolgende soziale Ächtung der Absinthtrinker ist
übrigens bis heute im Sprachgebrauch anzutreffen, wenn wir jemanden
zum Beispiel abfällig als „Wermutbruder“ bezeichnen.
Schlechte Weinernten und stetig
rückläufige Umsatzzahlen sorgten dafür, dass die Weinindustrie in
Absinth eine unliebsame Konkurrenz sah, die man beseitigen wollte.
[1] einheimischen
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